Fenster · Wissenschaftlicher Fachartikel

Warum es am Fenster kälter ist – auch wenn die Raumtemperatur stimmt

Eine wissenschaftliche Übersicht über Strahlungsaustausch, Kaltluftabfall, Fußbodentemperaturen und thermischen Komfort in Fensternähe

← Zur Artikelübersicht

1. Ein Raum – unterschiedliche thermische Umgebungen

Eine Lufttemperatur von 21 °C garantiert nicht, dass sich jeder Aufenthaltsort im Raum gleich anfühlt. Vor einer großen winterkalten Verglasung können die umgebenden Oberflächen, das lokale Strahlungsfeld und die Luftbewegung anders sein als in Raummitte. Ein Thermometer für die Lufttemperatur erfasst diese Unterschiede nicht vollständig.

Für den Menschen zählen unter anderem Lufttemperatur, mittlere Strahlungstemperatur, Luftgeschwindigkeit, Luftfeuchte, Bekleidung und Aktivität. Die operative Temperatur fasst unter definierten Bedingungen den Einfluss von Lufttemperatur und Strahlungsumgebung zusammen. Lokale Unbehaglichkeit, etwa durch Zugluft oder Strahlungsasymmetrie, kann trotz einer akzeptablen mittleren operativen Temperatur auftreten [1, 2, 6].

2. Die kalte raumseitige Glasoberfläche

Im Winter ist die innere Glasoberfläche meist kälter als die Raumluft. Sie beeinflusst den Wärmeübergang der angrenzenden Luft und tauscht langwellige Wärmestrahlung mit dem Menschen, dem Fußboden und anderen Raumoberflächen aus. Das ist nicht dasselbe wie die durch das Glas hindurchtretende Solarstrahlung.

Die Temperatur der Glasmitte ist von Glasrand, Rahmen und Anschlussfuge zu unterscheiden. Ein guter Ug-Wert der Verglasung garantiert nicht, dass Rahmen, Randverbund oder unterer Anschluss dieselbe Oberflächentemperatur erreichen.

3. Rechenbeispiel: Wie kalt ist die Glasmitte?

Vereinfachte stationäre Abschätzung für den mittleren Glasbereich, ohne solare Einstrahlung: Innenluft 21 °C, Außenluft 0 °C, innerer Wärmeübergangswiderstand Rsi = 0,13 m²K/W. Für die innere Oberflächentemperatur gilt näherungsweise θsi = θi − Ug · (θi − θe) · Rsi. Die verwendeten Ug-Werte beschreiben die Verglasung, nicht das gesamte Fenster.

Ug [W/(m²K)]θsi, Glasmitte
2,813,36 °C
1,118,00 °C
0,619,36 °C

Die Ergebnisse sind 13,36 °C, 18,00 °C und 19,36 °C; gerundet also 13,4 °C, 18,0 °C und 19,4 °C. Dies sind Rechenwerte und keine Messdaten aus den zitierten Studien. Abweichende Wärmeübergangsbedingungen, Randverbund, Konvektion, Strahlung und reale Einbausituationen verändern die örtlichen Temperaturen.

4. Strahlung: Warum Nähe und Geometrie zählen

Ein Mensch tauscht Wärmestrahlung mit allen sichtbaren Raumoberflächen aus. Die kalte Verglasung beeinflusst die lokale mittlere Strahlungstemperatur besonders dann, wenn sie einen großen Anteil des Gesichtsfeldes einnimmt. Dieser Anteil wird über geometrische Sicht- oder Formfaktoren beschrieben. Deshalb kann die gleiche Glasscheibe für eine Person direkt davor relevanter sein als für eine Person an der gegenüberliegenden Innenwand [1].

Strahlungsasymmetrie beschreibt eine ungleichmäßige Strahlungsumgebung aus unterschiedlichen Richtungen. Sie ist von der Lufttemperatur zu trennen: Ein Körper kann gegenüber einer kalten Fläche stärker Wärme abstrahlen, auch wenn die Raumluft überall 21 °C hat.

Gewöhnliches Fensterglas ist im langwelligen thermischen Infrarotbereich, der für Raumtemperaturen maßgeblich ist, weitgehend undurchlässig. Der Fußboden tauscht daher langwellige Wärmestrahlung primär mit der raumseitigen Glasoberfläche aus, nicht direkt durch das gewöhnliche Glas mit dem kalten Nachthimmel. Für kurzwellige Sonnenstrahlung gelten andere optische Eigenschaften.

5. Konvektion: Kaltluftabfall ist ein eigener Mechanismus

An kalter Verglasung kühlt sich angrenzende Raumluft ab, wird dichter und kann entlang der Scheibe absinken. Diese Strömung wird als Kaltluftabfall oder Downdraught bezeichnet. Ob sie als Zugluft wahrgenommen wird, hängt unter anderem von Verglasungshöhe, Oberflächentemperatur, Luftgeschwindigkeit und der Heizungsanordnung ab. Bodentiefe Fenster können den Weg der absinkenden Luft bis in die Aufenthaltszone verlängern [4].

Strahlungsaustausch und Kaltluftabfall treten möglicherweise gleichzeitig auf, sind aber physikalisch verschieden. Eine Verbesserung des einen Mechanismus ist kein automatischer Nachweis, dass auch der andere im gleichen Maß verbessert wird.

6. Was Messungen und Simulationen zeigen

Zmeureanu und Kollegen entwickelten und validierten ein Modell, das die lokale mittlere Strahlungstemperatur und die thermische Empfindung in Fensternähe berücksichtigt. Die Validierung nutzte eine Klimakammer mit elektrisch beheizten Flächen als Modell warmer Fenster; sie ist keine direkte Messung eines bestimmten heute angebotenen Fensters [1].

Bessoudo und Kollegen untersuchten an einer großflächigen Glasfassade im Winter unter anderem Oberflächentemperaturen, operative Temperatur und Strahlungsasymmetrie mit innenliegenden Verschattungssystemen. Der zweite Teil von Tzempelikos und Kollegen nutzte das validierte thermische Modell für Komfortsimulationen. Ergebnisse hängen vom jeweiligen Wetter, der Sonneneinstrahlung und den Eigenschaften der Abdeckungen ab [2, 3].

Joe und Kollegen analysierten 2017 den Kaltluftabfall an Glasfassaden mit Fußbodenheizung mittels numerischer Strömungssimulation. Die Ergebnisse zeigen, dass die Anordnung der Heizfläche und der Wärmeaustausch mit absinkender Luft entscheidend sind. Es handelt sich um eine CFD-Studie, nicht um einen gemessenen FVS-Versuch [4].

Oliveira und Corvacho verglichen in Unterrichts- und Büroräumen thermische Bedingungen in Raummitte und in Fensternähe. Die Messungen zeigten eine größere Variabilität des Komforts in der Nähe der Verglasung. Das unterstützt die Notwendigkeit ortsbezogener Komfortbewertungen [5].

7. Der Fußboden unmittelbar vor dem Fenster

Eine häufig übersehene Folge großer Verglasungen ist die örtliche Temperaturverteilung am Boden. Strahlungsaustausch mit einer kalten Fensterfläche, konvektive Strömungen und die Konstruktion des unteren Anschlusses können gemeinsam die Oberflächentemperatur in der Fensterzone beeinflussen.

Karlsson berichtete aus sechs Versuchen in einem kontrollierten Prüfraum mit unterschiedlichen Fensterpositionen und Heizsystemen. Die Versuchsreihe variierte dabei ausdrücklich den U-Wert des Fensters, die Fensterorientierung und das Heizsystem. Bei einer bis zum Boden reichenden vertikalen Verglasung in Kombination mit Fußbodenheizung wurde vor dem Fenster eine um 1,8 °C niedrigere Fußbodenoberflächentemperatur als seitlich davon gemessen; an keinem Messpunkt überschritt die Luftgeschwindigkeit 0,15 m/s. Das ist eine konkrete Versuchskonfiguration, keine allgemeingültige Temperaturdifferenz für alle bodentiefen Fenster [7].

8. Rahmen, Glasrand und unterer Anschluss

Die Wärmestromverteilung eines Fensters ist nicht homogen. Rahmenmaterial, Abstandhalter, Einbaufuge, Laibung und Fußbodenanschluss können lokale Oberflächentemperaturen senken und das Risiko für Zugerscheinungen oder Kondensat beeinflussen. Die Bewertung der Glasmitte allein ersetzt deshalb keine Untersuchung der gesamten Fensternische. Auch eine gut gedämmte Verglasung kann bei ungünstigem Anschluss einen kalten lokalen Bereich aufweisen.

9. Technische Konsequenzen und dynamischer Wärmeschutz

Technische Gegenmaßnahmen können unterschiedliche Mechanismen adressieren: bessere Verglasung und wärmere Innenoberflächen, konstruktiv günstige Randanschlüsse, geeignete Heizflächen sowie zusätzliche innenliegende Abdeckungen. Bei innenliegenden Abdeckungen sind Luftdichtheit und Strömungsführung ebenso wichtig wie der Wärmewiderstand.

Ein dynamischer Wärmeschutz könnte je nach Konstruktion den Wärmedurchgang, die dem Raum zugewandte Oberflächentemperatur, die Sichtbeziehung zur kalten Scheibe und die lokalen Luftströmungen beeinflussen. Seine offene Stellung kann den solaren Zugang zeitweise freigeben. Die hier behandelten Studien sind jedoch keine direkte Prüfung des heutigen beweglichen FVS.

Die Forschungsübersicht „Innenliegender Wärmeschutz für Fenster – was wissenschaftliche Untersuchungen tatsächlich zeigen“ behandelt Abdeckungen und Luftkammern. Die vertiefende Veröffentlichung „Strahlungskomfort vor dem Fenster“ untersucht gesondert den möglichen Einfluss niedrig emittierender Oberflächen.

10. Fazit

Der U-Wert bleibt wichtig, beschreibt aber nicht vollständig, wie ein Fenster auf den Menschen und den angrenzenden Raum wirkt. Die Temperatur der inneren Glasfläche, die räumliche Verteilung der Wärmestrahlung, Luftbewegungen und Anschlussdetails bestimmen gemeinsam den thermischen Komfort in Fensternähe. Gleich warme Raumluft bedeutet daher nicht automatisch gleich angenehme Aufenthaltsbedingungen.

Literatur

[1] Zmeureanu, R.; Iliescu, S.; Dauce, D.; Jacob, Y. (2003): Radiation from cold or warm windows: computer model development and experimental validation. Building and Environment 38(3), 427–434. DOI: 10.1016/S0360-1323(02)00133-6.

[2] Bessoudo, M.; Tzempelikos, A.; Athienitis, A. K.; Zmeureanu, R. (2010): Indoor thermal environmental conditions near glazed facades with shading devices – Part I: Experiments and building thermal model. Building and Environment 45(11), 2506–2516. DOI: 10.1016/j.buildenv.2010.05.013.

[3] Tzempelikos, A.; Bessoudo, M.; Athienitis, A. K.; Zmeureanu, R. (2010): Indoor thermal environmental conditions near glazed facades with shading devices – Part II: Thermal comfort simulation and impact of glazing and shading properties. Building and Environment 45(11), 2517–2525. DOI: 10.1016/j.buildenv.2010.05.014.

[4] Joe, G.; Kim, D.; Park, S.; Park, S.; Yeo, M.; Kim, K. (2017): Downdraft Assessment of Glass Curtain Wall Buildings with a Radiant Floor Heating System. Applied Sciences 7(10), 1075. DOI: 10.3390/app7101075.

[5] Oliveira, A. M. F. F.; Corvacho, H. (2021): Application of thermal comfort assessment models to indoor areas near glazed walls – experimental evaluation. Revista de la Construcción 20(1), 106–127. DOI: 10.7764/RDLC.20.1.106.

[6] Frontini, F.; Kuhn, T. E. (2012): The influence of various internal blinds on thermal comfort: A new method for calculating the mean radiant temperature in office spaces. Energy and Buildings 54, 527–533. DOI: 10.1016/j.enbuild.2012.02.029.

[7] Karlsson, H. (2012): Measurements of indoor thermal conditions in a passive house during winter conditions. Conference paper, Passivhus Norden 2012, Trondheim, Norway. Originalbeitrag im Konferenzband; kein DOI nachgewiesen.